Crowdsourcing in der politischen Kommunikation
von: A&B FACE2NET | 12. Februar 2007 | Kategorie: politiktrends online
Der Begriff “Crowdsourcing” wurde geprägt durch einen Artikel von Jeff Howe in der Zeitschrift “Wired” und bezeichnet die Auslagerung von Aufgaben (Outsourcing) an die große Schar von Amateuren (crowd) im Internet, die diese in ihrer Freizeit gegen Entgelt erledigen.
Hintergrund der Entwicklung
Durch intelligente Plattformen im Internet können sich Leute mit freier Zeit und Interesse an kleinen Nebentätigkeiten in großer Zahl einfach und unabhängig von Ort und Zeit beteiligen. So können Organisationen brach liegende Potenziale erschließen und im Vergleich zur Eigenleistung oder dem Bezug von kommerziellen Anbietern erhebliche Kosten einsparen. Beschleunigt wird die Entwicklung dadurch, dass professionelle Werkzeuge wie Computer, Kameras und Software heutzutage auch für Amateure verfügbar und erschwinglich geworden sind.
Anforderungen: Fünf Regeln für Crowdsourcing
Jeff Howe formuliert folgende fünf Regeln für das Crowdsourcing:
1. Die Masse ist auf der ganzen Welt verteilt, daher müssen die Aufgaben in Telearbeit erledigt werden können.
2. Die freien Zeitfenster der Masse sind klein, daher müssen Aufgaben in Teilaufgaben zerlegt werden, damit sie in etwa einer halben Stunde erledigt werden können.
3. Die Masse ist reich an Spezialisten.
4. Die Masse liefert überwiegend unbrauchbare Ergebnisse. Neue Plattformen schaffen keine neuen Talente, sie können aber helfen diese zu finden. Durch Filtermechanismen kann man die Spreu vom Weizen trennen.
5. Die Masse findet die besten Sachen. Die Bewertung der Ergebnisse durch die Masse selbst liefert den besten Filter.
Hobbytüftler als Entwicklungsingenieure
Große Konzerne beschäftigen jeweils tausende Wissenschaftler in ihren Forschungs- und Entwicklungsabteilungen und haben dennoch mehr ungelöste Probleme denn je, vor allem im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich. Diese hochkomplexen und anspruchsvollen Aufgaben werden auf Websites wie InnoCentive oder NineSigma zur Lösung durch das Heer der Hobbytüftler und Garagenbastler ausgeschrieben. Die registierten ‘Problemlöser’ (”solvers”) können sich dann ein spannendes Problem aussuchen und an einer Lösung tüfteln. Das kann sehr zeitaufwändig sein und wird mit einer hohen Prämie (10.000-100.000 US-Dollar) von den Auftraggebern (”seekers”) belohnt.
Knapp ein Drittel der ausgeschriebenen Probleme wurde durch die Vielfalt der Geister bereits gelöst. Die ‘Hinterhof-Wissenschaftler’ sind auffallend häufig in Bereichen erfolgreich, in denen sie über keine formale Expertise verfügen – gerade diese “weak ties” machen das Netzwerk so wertvoll.
Heimarbeit für Alle
Einen anderen Ansatz verfolgt der Amazon Mechanical Turk. Der Name des Dienstes spielt auf den „Schachtürken“ an – einen Schachroboter, der 1769 von Wolfgang von Kempelen gebaut wurde und in ganz Europa für großes Aufsehen sorgte, nicht zuletzt durch Siege gegen Friedrich II. und Napoleon. Im Inneren war jedoch ein Mensch versteckt, es wurde den Schachspielern und Zuschauern also nur vorgegaukelt, dass die Maschine selbstständig Schach spielen könne (daher auch der umgangssprachliche Ausdruck “etwas türken”).
Dieser Logik folgend, werden beim Amazon Mechanical Turk so genannte HITs (Human Intelligence Tasks) ausgeschrieben: relativ anspruchslose Aufgaben, die aber maschinell nur sehr schwer zu lösen sind, wie z.B. die Transkription von Sprachaufzeichnungen, die Identifikation von Personen und Objekten auf Fotos, einfache Recherchen oder das Texten kurzer Produktbeschreibungen.
Das gewünschte Ergebnis ist klar definiert und die Entlohnung recht gering – von wenigen Cent bis ein paar Dollar. Über eine technische Schnittstelle (API) können Unternehmen ihre Systeme mit dem Mechanical Turk einfach koppeln.
Crowdsourcing in der politischen Kommunikation
In Deutschland wird bei einer Entlohnung der Aufgaben die Grenze zur Schwarzarbeit schnell überschritten. Crowdsourcing bietet sich daher hierzulande vor allem für die elektronische Organisation von Aufgaben für ehrenamtliche Unterstützer aus der Basis und engagierte Bürger an, nicht nur im Wahlkampf. Wichtigste Vorraussetzungen sind die Schaffung einer geeigneten Plattform und die Entwicklung klarer Aufgabenstellungen.
Mehr zum Thema auch via Basic Thinking
