Obamas unfreiwilliger Partisanenwahlkampf und sein heimlicher Gewinner
von: A&B FACE2NET | 22. März 2007 | Kategorie: politiktrends online
Amerika regt sich auf und Spiegel Online stürzt sich drauf: Der ach so nette Barack Obama, der doch für einen neuen, versöhnlichen Politikstil stehen will, wird mit einem Video in Verbindung gebracht, das Hillary Clinton mit Orwell’s Big Brother in Verbindung bringt. Gar nicht korrekt sowas. Und ganz schön viele Verbindungen. Was ist da also passiert?
Einer von Obamas Onlineberatern, Phillip de Vellis, nimmt den legendären Apple-Spot von 1984 und baut Hillary Clinton mit ihrer “Start a conversation”-Videoansprache ein. Diesen postet er anonym auf Youtube und schickt ein paar E-Mails durch die Gegend. Irgendwann hat der Film fast 2 Millionen Views und die halbe Welt rätselt, wer dahinter steckt. Schließlich äußert er sich in der Huffington Post und gibt zu, dass er es war, aber Obama und sein Stab nichts davon wussten.
Dennoch ist die Geschichte natürlich ein gefundenes Fressen für die politischen Kommentatoren, die sich hämisch auf Obama stürzen und seinen ausgleichenden Politikstil auf den schlammigen Boden der politischen Kampagnen abstürzen sehen wollen. Aber das Video ist nicht nur genial produziert und perfekt platziert, sondern hat auch einen durchaus treffenden kulturellen Subtext. Obama wird es auf gar keinen Fall schaden, im Gegenteil, denn das ist genau die Art von viralem Partisanenwahlkampf, die erfolgreich ist.

Der Clip benutzt den Mac-Spot von 1984 und transportiert so das kulturelle Schema von junger Unabhängigkeit (Apple) gegen Big Business (IBM, Microsoft). Die Big-Brother-Verbindung ist peripher und wird nur indirekt zitiert. Dass er in so kurzer Zeit so oft gesehen wurde, spricht nicht nur für seinen Unterhaltungswert und seine kulturelle Einbettung, sondern vor allem für die Kampagnenfähigkeit von de Vellis.
Dem Vorwurf, die Demokraten seien nicht bissig genug und zu nett, wird hier ein Gegenbeweis geliefert. So positioniert sich Obama nicht nur gegen Clintons, vom US-Establishment überlegen finanzierten Vorwahlkampf, sondern auch gleich als echte, frische (und durchaus auch mal aggressive) Alternative für das Präsidentenamt. Er mobilisert seine Anhänger und nötigt seinen Gegnern Respekt ab. Einzig die unentschiedenen Wähler in der Mitte werden sich von der Medienhysterie beeindrucken lassen. Aber das tun sie bis einen Tag vor der Wahl, zur Zeit spielen die überhaupt keine Rolle. Im Augenblick geht es um die eigene Basis und die wird hier geeint.
Das Schöne am Partisanenwahlkampf ist: Obama kann sich davon offiziell distanzieren und sogar behaupten, sein Wahlkampfteam “hätte gar nicht die Mittel, um so etwas zu produzieren”. Klar, weil sie viel weniger Spenden bekommen als Clinton. Got it?
Man kann keinen Wahlkampf gewinnen, wenn man nur nett ist. Und gegen Clinton kann man nur gewinnen, wenn die Maschinerie dahinter demaskiert wird und Obama sich immer wieder als echt und neu darstellt.
Der wahre Gewinner aber ist de Vellis. Sein Kopf ist gerollt, aber er wird berühmt. Viele neue Jobs sind ihm sicher. Alles richtig gemacht, also.


