Digitalisierung: Geballte Staatsmacht gegen Google Book Search



“Googles Herausforderung. Für eine europäische Bibliothek.” heisst die selbsternannte “kleine Kampfschrift” des Präsidenten der Französischen Nationalbibliothek, Jean-Noel Jeanneney, in Anlehnung an den von ihm verfassten Le Monde-Artikel “Quand Google défie l’Europe” (kostenpflichtiger Link) .
Anlässlich der Veröffentlichung der deutschen Ausgabe sprach Jeanneney am 7.März in der Französischen Botschaft in Berlin.

Jeanneney Podium Frz Botschaft
v.l.: Der französische Botschafter in Deutschland, Dr. Claude Martin, Jean-Noël Jeanneney, Barbara Schneider-Kempf, Staatsbibliothek zu Berlin und Dr. Susanne Schüssler, Wagenbach Verlag.


Der Professor für zeitgenössische Geschichte erneuerte dabei seine teils harsche, teils sehr konstruktive Kritik am, inzwischen in “Google Book Search” umfirmierten, Projekt “Google Print”. Der Plan, innerhalb von sechs Jahren 15 Millionen gedruckte Bücher zu scannen und weltweit zugänglich zu machen, sei schon allein von seiner Dimension her als reißerische Ankündigung zu verstehen. Zur Zeit sei eine Betonung des Angelsächsischen zu beobachten, auch z.B. bei der Sekundärliteratur zu den Werken anderer Kulturräume. Mit der Frage “Was passiert mit den digitalisierten Buchbeständen wenn Google eines Tages Konkurs anmelden sollte?” pointierte er seinen Unwillen gegenüber einem privatwirtschaftlichen Hintergrund für ein derartiges Projekt.

“Eine halbherzige Digitalisierung entfernt uns von den Wissensvermittlern, eine umfassende Digitalisierung führt uns hingegen zwangsläufig zu ihnen zurück.” Dieser, dem Buch entnommene, Satz beschreibt Jeanneneys Motivation, derartige Pläne stärker in die Hände klassischer Akteure legen zu wollen. In einem umfassenden Digitalisierungsprojekt brauche es Kontrollinstanzen, die er bei Bibliothekaren und Buchhändlern sieht. Jeanneneys Initiative hat bereits im vergangenen Mai einen, von sechs EU Staats- und Regierungschefs unterzeichnetes, Schreiben an EU-Rat und -Kommission erwirkt. Gleichzeitig erklärten 22 europäische Nationalbibliotheken, darunter die Staatsbibliothek zu Berlin, die durch ihre Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf auf dem Podium vertreten war, ihre Absicht zur Zusammenarbeit. Eine Pressemitteilung der EU-Kommission aus der ersten Märzwoche nennt mittlerweile selbst die Digitalisierung von sechs Millionen Büchern in den nächsten fünf Jahren als Ziel.

Der Vortrag begann mir leichter Verspätung, die zu Lasten der anschliessenden Diskussion ging. Die Zeit reichte nicht, um sich differenziert mit den etwas markigeren Aussagen des Vortrags zu befassen. Es wurde nicht klar, wie man sich in Form von Google ein “Monopol im Bereich der Verbreitung des Schriftguts der Menschheit” in der Praxis vorzustellen hat. Die Charakterisierung der Google-Ranking-Methode als “dampfwalzenartige Plattmache anderer Informationen”, ein Widerspruch zur Bekundung des gesamten Podiums, Google eher als Motivationsquelle denn als “Feind” zu betrachten, blieb ebenfalls im Raum stehen.

Das multistaatliche Suchmaschinenprojekt “Quaero” wurde von Jeanneney auf Nachfrage als lose verbundener Unteraspekt der Digitalisierungsinitiative dargestellt. In “Googles Herausforderung” wird Quaero die Aufgabe zugeschrieben, “vor allem Ton- und Videodokumente” erfassbar zu machen. Ein weiteres Indiz, dass sich die Gerüchte um den angeblichen allgemeinen “Google-Killer” aus Public-Private-Hand als nachvollziehbar haltlos erweisen.

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