Verlage ans Netz
von: A&B FACE2NET | 26. Februar 2007 | Kategorie: markentrends online
Was bisher geschah…
Im Rückblick auf das vergangene Jahr, lässt sich ein großer Medientrend ausmachen, der sich auch 2007 weiter fortsetzten wird: Die klassischen Medien, im Besonderen die Tageszeitungen zieht es ins Netz. Eine Entwicklung, die nur zum Teil auf einer willentlichen, aktiven Hinwendung der Verlage zum „neuen“ Medium Internet beruht und der eine altbekannte Krisendiagnose zugrunde liegt.
Dieser Krisendiskurs ist nicht neu: Das Zeitungswesen durchlief immer wieder handfeste Krisen. Mit jeder technischen Innovation und ihrer Verfestigung als neues (Massen-)Medium wurde das Ende des „täglichen Blattes“ prognostiziert. Mit dem Aufkommen des Radios ebenso, wie später mit der Durchsetzung des Fernsehens. Verdrängt wurde das gedruckte Wort davon bekanntlich nicht.
Kummulative Medienentwicklung
Die Medienentwicklung schien im Wesentlichen dem Rieplschen-Gesetz zu folgen: sie nahm einen kummulativen Verlauf. Die bestehenden Medien wurden nicht verdrängt sondern durch neue ergänzt. Diese operierten nach eigenen Strukturen und Logiken, hatten ihre besonderen Stärken und deckten damit spezifische Bedürfnisse, die in keiner unmittelbaren Konkurrenz zu den komplementären, „klassischen“ Medien standen.
Daran schien sich auch mit dem Internet und seiner stetig wachsenden Breitenwirkung nichts zu ändern. Obwohl das Internet in seiner Grundstruktur ein text- und bilderlastiges Medium ist (wenn auch zunehmend multimedialisiert), waren es interessanterweise vor allem die Zeitungsverlage, die im Vergleich zu anderen Mediengattungen am wenigsten von den Möglichkeiten des neuen Kanals Gebrauch machten.
Kannibalisierung durch das Internet?
Das Internet wurde von den Verlagen lange Zeit als reiner, zusätzlicher Vertriebskanal angesehen, durch welchen das klassische Produkt einfach 1:1 in Zweitverwertung abgebildet werden konnte. Spätestens mit der jüngsten Evolution vom Web 1.0 (dem „read-only“-Web) hin zum Web 2.0 (dem „read- and write“ Web) zeigte sich allerdings, dass im Netz nicht nur eine Online-Konkurrenz erwachsen ist, welche die Zeitungen im Neuigkeitswert ihrer Nachrichten weit hinter sich lassen, sondern dass aufgrund der technischen Entwicklung immer mehr Menschen selbst zu „Nachrichtenproduzenten“ werden (Stichwort user-generated-content). Eine Entwicklung auf welche die Verlage nun nach dem Motto „Umarme die Zukunft“ reagieren.
Everything bad is good for you!
1. Web first
Seit Mitte 2006 gilt bei den Etablierten und Großen der Branche (u.a. der Guardian, die New York Times oder auch die Welt)das „Web first“ Prinzip. Nachrichten werden demnach sofort ins Netz gestellt ohne Rücksicht auf mögliche negativen Auswirkungen auf die verkaufte Auflage.
2. Web 2.0
Die Funktionalitäten und Techniken des Web 2.0 werden auch bei den Newsportalen der Zeitungen zum „Must-have“: Kommentar- und Bewertungsfunktionen, dialogische Instrumente, Weblogs sowie die Integration von multimedialen Inhalten werden zu dauerhaften Bestandteilen der Angebote. Ergänzt wird dies durch eine verstärkte Einbindung von nutzergenerierten Inhalten.
Diese Entwicklung zieht natürlich auch Veränderungen in der Art und Weise, wie die Nachrichten produziert werden, nach sich. Konzepte wie redaktionell betreute Blogger, die vor Ort berichten oder gar die Rückkehr des „rasenden Reporters“ (vgl. Spiegel Online) der in Form des „MoJo“ (Mobile Journalist) mit Laptop ausgestattet unterwegs ist, werden zur Zeit getestet oder sind zumindest angedacht.
3. Verschränkung von On- und Offline
Diese Veränderungen haben ihre Rückkopplungseffekte auf die Printausgaben, vor allem in Form von Verschlankung und Vertiefung.
Aktuell verordnete sich das Wall Street Journal Anfang dieses Jahres eine Kur. Zukünftig wird es im kostengünstigeren Tabloid-Format erscheinen. Einige Rubriken, wie etwa tagesaktuelle Wirtschaftsinformationen und Indizes, werden ganz aus dem (Print-)Blatt genommen, und nur noch auf dem Onlineportal zu finden sein. Auch die Frankfurter Rundschau wird bald ein ähnliches Facelifting ihrer Printausgabe in Angriff nehmen.
Ein Weg, der zukünftig verstärkt zu finden sein wird, ist also jener, die gedruckten Ausgaben mit ausführlichen Analysen, Kommentaren und Hintergründen bei möglichst hoher Themenbreite aufzuwerten, während sich die reinen, aktuellen Informationen im Netz finden werden.
The medium is the massage
Die Zukunft der Zeitung (oder die Zeitung der Zukunft…?) wird also nicht ausschließlich online zu finden sein. Zumindest wenn sich im Sinne des Rieplschen Gesetzes die verschiedenen Kanäle crossmedial gewinnbringend miteinander vernetzen lassen. Gerade das Verhältnis von interaktivem Online-Journalismus und klassischem Journalismus wird auch in diesem Jahr ein spannendes Entwicklungsfeld bleiben, das nicht zuletzt auch die Rahmenbedingungen der professionellen Kommunikations- und Medienarbeit – und damit die Arbeit von Kommunikationsagenturen – beeinflussen wird.
Zu Verlagen und Ihren Verständnisschwierigkeiten von Web 2.0 findet sich auch auf iBusiness ein aktueller Artikel.
